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Kooperation zwischen Anbietern und Anwendern in der Informationswirtschaft
Gastbeitrag von Dr. Willi Bredemeier, Geschäftsführer und Herausgeber von PASSWORD. PASSWORD ist WebPartner von PROJECT CONSULT. Dr. Bredemeier ist Ko-Autor und Koordinator des 2ten Trendberichts „Monitoring Infomationswirtschaft“ des BMWI Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, der im Mai 2002 erschienen ist. Der folgende Beitrag gibt eine Zusammenfassung eines der wichtigsten Aspekte der Studie wieder: einerseits werden große Potentiale durch die Kooperation von Anbietern mit Anwendern gesehen, andererseits aber nur wenige Projekte erfolgreich durchgeführt. Die Studie kann über GIN-NET abgerufen werden ( http://193.202.26.196/infrasearchreg/reg2002.asp?dfile=2002_06de_Trendbericht_Vollversion.pdf ).
Zwischen den Anbietern und Anwendern der Informationswirtschaft, darunter Elektronische Informationsdienste, Informations- und Kommunikationstechnik, E-Commerce und Telekommunikation, bestehen nahezu ohne Ausnahme gravierende Kooperationsprobleme. Man kann sogar soweit gehen, von einem „Chancenparadox“ zu sprechen:
   
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Die größten Chancen der deutschen Informationswirtschaft ergeben sich im Zusammenwirken mit den Anwendern, insbesondere aus den klassischen Exportbranchen.
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Aber: So gut wie alle vom Institute for Information Economics (IIE, Hattingen) im Rahmen des BMWi-Forschungsprojektes „Monitoring Informationswirtschaft“ befragten 129 Experten sprachen von gravierenden Kooperationsproblemen zwischen den informationswirtschaftliche Anbietern und Anwendern.
Das IIE folgerte: „Hier werden mehr als Milliarden in den Sand gesetzt. Hier werden Chancen nicht ergriffen und Potenziale nicht ausgeschöpft.“
Wo verfügt die deutsche Informationswirtschaft auf den Weltmärkten über ganz besondere Chancen? Um hier zu Aussagen zu kommen, wurden sogenannte „Chancenwerte“ gebildet: Zahl der Nennungen zu Chancen für die deutsche Informationswirtschaft : Zahl der Nennungen zu Risiken.
Abbildung 1: Chancen der dt. Informationswirtschaft
Ein „Chancenwert“ von 9,0 sagt also aus, dass auf eine skeptische Stimme neun optimistische Stimmen kommen. Es wurde ferner zwischen informationswirtschaftlichen Angeboten und Anwendungen unterschieden. Informationswirtschaftliche Angebote werden direkt von den Anbietern der Informationswirtschaft auf den Weltmärkten vermarktet. Informationswirtschaftliche Anwendungen sind hingegen Produkte, in die bedeutende informationswirtschaftliche Inputs eingegangen sind.
An Chancenwerten ergeben sich:
  
für informationswirtschaftliche Anwendungen
2,15
für informationswirtschaftliche Angebote
1,37.
Danach leistet die deutsche Informationswirtschaft einen besonderen Beitrag zur Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft, wenn sie die Produktionsprozesse der klassischen deutschen Exportbranchen wie Automobilindustrie, Maschinen- und Anlagenbau sowie Elektrotechnische und Chemische Industrie optimiert und/oder deren Produkte „veredelt“.
Die Informationswirtschaft schöpft ihre Potenziale bei branchenspezifischen und unternehmensindividuellen Lösungen nicht aus.
Dieses Bild wird noch deutlicher, wenn man zwischen branchenübergreifenden und branchenspezifischen Anwendungen unterscheidet. Die entsprechenden Chancenwerte lauten:
  
für branchenübergreifende Anwendungen
4,0
für branchenspezifische Anwendungen
1,23
Die deutsche Informationswirtschaft ist also besonders erfolgreich, wenn sie den Unternehmen der klassischen deutschen Exportbranchen informationswirtschaftliche „Halbfabrikate“ liefert, die von deren informationswirtschaftlichen Experten sodann „weiterveredelt“ beziehungsweise an die spezifischen Bedingungen des eigenen Unternehmens nicht angepasst werden. Das bedeutet ferner, dass die deutsche Informationswirtschaft ihre Potenziale bei den branchenspezifischen und unternehmensindividuellen Lösungen nicht ausschöpft. Die wesentlichste Ausnahme ist hier der Bereich „Auto, Verkehr“ mit einem Chancenwert von 5,5. Von den bestehenden Entwicklungsmöglichkeiten her gesehen würden sich auch sehr gute Aussichten für den Gesundheitsbereich ergeben, doch ist hier wegen der hohen Regulierungsdichte und der suboptimalen Zusammenarbeit zwischen den gesundheitspolitischen Playern (Gesundheitsministerium, Ärzteverbände, Krankenkassen und pharmazeutische Industrie) der Chancenwert von 0,67 sehr klein.
Auch ist außerhalb der Industrie von einer stark gewachsenen Bedeutung des privaten Dienstleistungssektors für informationswirtschaftliche Anwendungen sowie von einer wachsenden Dienstleistungsorientierung und rapiden Technisierung des öffentlichen Bereiches zu sprechen. Für beide Bereiche gilt jedoch eine „Professionalisierungslücke“ bei informationswirtschaftlichen Anwendungen (mit den Ausnahmen der Finanzdienstfeister und der Unternehmensberater) im Vergleich zu den klassischen deutschen Exportbranchen.
Bei „Informationen für die Wirtschaft“ überwiegen die Chancen leicht die Risiken.
An besonders vielversprechenden Anwendungsbereichen der Informationswirtschaft ergaben sich nach Chancenwerten (siehe auch Abbildung):
  
Logistik
9,0
Zahlungssysteme, Finanzdienstleistungen
4,0
Automation, Automatisierung
3,7
Mikrotechnik
2,0
An besonders vielversprechenden Möglichkeiten zu Direktangeboten ergaben sich für die deutsche Informationswirtschaft nach Chancenwerten:
  
Mobilkommunikation
10,0
Sicherheit, E-Commerce
3,0
E-Learning
1,9
Software
1,8
intelligente Netze, Vernetzung
1,8
Auf mittlere Chancenwerte kamen:
  
Informationen für die Wirtschaft
1,3
Als weitgehend chancenlos wurden hingegen die folgenden Angebotsbereiche gesehen:
  
Telekommunikation allgemein, Telekommunikationsinfrastruktur
0,8
Hardware, Endgeräte
0,6
Smart Home, Entertainment
0,3
Nahezu alle Experten gingen von bedeutenden Kooperationsproblemen zwischen Anbietern und Anwendern aus.
Wenn die deutsche Informationswirtschaft zu ganz besonderen Erfolgen über die Zusammenarbeit mit den Anwendern kommt, dann ist das folgende Ergebnis besonders schwerwiegend: Nahezu alle Experten gingen von bedeutenden Kooperationsproblemen zwischen den informationswirtschaftlichen Anbietern und Anwendern aus.
Für die existierenden Kooperationsprobleme sind sowohl die Anwender- als auch die Anbieterseite verantwortlich zu machen. Insgesamt wurde die Anbieterseite allerdings um einiges kritischer als die Annwenderseite beurteilt. Die Experten empfahlen dringend, die Zusammenarbeit zu verbessern.
Innerhalb der Anwenderunternehmen sind interne Kooperationsprobleme insbesondere zwischen dem Management und den informationswirtschaftlichen Experten („Technik“) von größerer Bedeutung als finanzielle und organisatorische Probleme (siehe Abbildung 2). Es besteht sogar die Gefahr, dass Auseinandersetzungen um ein angemessenes Budget lediglich der Ausdruck tieferliegender Kooperationsstörungen sind. Das ist kein triviales Ergebnis, wenn man bedenkt, dass viele IT-Projekte weitgehend als technische definiert und weitere Zusammenhänge mit Ausnahme der finanziellen unter Umständen ausgeblendet werden.
An den Anbietern wurden vor allem mangelnde Professionalität wenn nicht mangelnde Seriosität, mangelndes Eingehen auf unternehmensindividuelle Anforderungen und eine „Innovationsorientierung“ nicht nach den Kundenerfordernissen, sondern nach den sich ausweitenden technischen Möglichkeiten kritisiert. In diesem Zusammenhang ist als besonders gravierend zu sehen, dass ausgerechnet der Vorwurf „nicht eingehaltene Versprechen“, der sich unter den Vorgaben des Fragebogens am eindeutigsten auf mangelnde Seriosität bezog, nahezu von jedem zweiten Experten angekreuzt wurde und damit auf die Spitzenposition der Anbieterschwächen bei Kooperationsproblemen mit den Anwendern kam.
Viele Projekte sind schon gescheitert, bevor sie begonnen wurden.
Häufig wurde eine Kooperation zwischen Anbietern und Anwendern nicht ausreichend vorbereitet und führte die Zusammenarbeit zu nicht zufriedenstellenden Resultaten. Auch wenn man in Rechnung stellt, dass informationswirtschaftliche Projekte in vielen Fällen komplex sind und auftretende Probleme damit „in der Natur der Sache liegen“, so machen die Ergebnisse doch deutlich, dass die Kooperationspotenziale zwischen den informationswirtschaftlichen Anwendern und Anbietern zu einem guten Teil nicht ausgeschöpft werden und die Schäden der Kooperationsfehlschläge in die Milliarden gehen dürften.
Seitens vieler Experten wurde die besondere Bedeutung der Vorbereitungsphase für eine Zusammenarbeit zwischen informationswirtschaftlichen Anbietern und Anwendern betont. „IT-Projekte starten meist schon, bevor sie geplant werden,“ so ein Experte. Als besonderes Defizit wurde immer wieder das Fehlen eines Gesamtkonzeptes genannt. Fehlt ein solches, können keine eindeutigen Ziele für die Zusammenarbeit vorgegeben werden noch ist es dann möglich, konkrete Umsetzungsschritte – zum Beispiel im Rahmen eines Pflichtenheftes – abzuleiten sowie angemessene (zum Beispiel Performance-) Indikatoren für eine Erfolgskontrolle des Ergebnisses der Zusammenarbeit (zum Beispiel einer in Betrieb genommenen Anwendung) zu gewinnen. Damit ist eine Zusammenarbeit in vielen Fällen fast von vornherein gescheitert. Die zugelassenen Defizite können sich bei jedem Schritt in der Umsetzungsphase bemerkbar machen, wenn es nicht sogar zu einer Akkumulation von Fehlentwicklungen kommt.
Abbildung 2: Ausgerechnet das Kriterium, das am ehesten auf mangelnde Seriosität schließen lässt, die „nicht eingehaltenen Versprechen“, wurde nahezu von jedem zweiten Experten angekreuzt (47,3 %). Der hohe Anteil der Nennungen zu einer Reihe anderer Kriterien lässt auf eine mangelnde Professionalität und Begrenzungen der Produktqualität aus der Sicht des Anwenders schließen.
Kooperationen zwischen den informationswirtschaftlichen Anwendern und Anbietern sind häufig so komplex, dass ihr Gelingen auch von der Einbeziehung der Anbieter und der Nutzung ihres Know hows bei der Vorbereitung dieser Zusammenarbeit abhängt. Der Vorwurf einer suboptimalen Zusammenarbeit bereits bei der Vorbereitung einer Zusammenarbeit kann die Anbieterseite daher fast ebenso schwer wie die Anwenderseite treffen.
In der Vorbereitungsphase sollten von beiden Seiten Ansprechpartner benannt werden, die sowohl über die benötigten fachlichen als auch „soft skills“ verfügen und Kooperationsprojekte möglichst bereits zum Erfolg geführt haben. Diese Ansprechpartner sollten über bedeutende Koordinations-möglichkeiten für die eigene Seite sowie über eigene Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume verfügen und nicht während der Laufzeit des Projektes abgelöst werden.
Finanzielle Größen, also die Sicherstellung eins ausreichenden Budgets in den Anwenderunternehmen, und der Gesamtumsatz, den der Anbieter für seine Kooperation mit dem Anwenderunternehmen aushandelt, spielen insoweit in der Zusammenarbeit zwischen den informationswirtschaftlichen Anbietern und Anwendern eine bedeutende Rolle, als eine entsprechende Klärung in die Vorbereitungsphase einer Zusammenarbeit gehört und ein unverzichtbarer Teil des Gesamtkonzeptes ist. Die Klärung dieser Frage ist auch deshalb besonders wichtig, weil sich in der Umsetzungsphase ergebende Meinungsverschiedenheiten über finanzielle Größen schnell zerstörerisch auf den Kooperationsprozess auswirken können. Über Qualitäten läst sich immer diskutieren und sind hier Konsensspielräume immer zu entdecken. Hingegen kann über unterschiedliche Vorstellungen zum Preis nur wenig gesagt werden und ist der Verhandlungsspielraum, wenn die Unterschiede erst einmal auf dem Tisch liegen und keine Seite ihr Gesicht verlieren will, gering. Damit existiert für ein Kooperationsprojekt sowohl innerhalb des Anwenderunternehmens als auch in den Beziehungen zwischen Anwendern und Anbietern ein bedeutendes „Störpotenzial“, das möglichst frühzeitig und weitgehend eliminiert werden sollte.
Die optimale Vorbereitung eines Kooperationsprojektes ist angesichts der Komplexität informationswirtschaftlicher Kooperationsprojekte zwar eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für das Gelingen der Umsetzungsphase. Eine besondere Schwachstelle in der Umsetzungsphase ist das „Change Management“, also die sich eventuell ergebende Notwendigkeit, von einmal festgelegten Vereinbarungen abzugehen, dafür einen ausreichenden Konsens zu mobilisieren und die neuen Vereinbarungen stringent umzusetzen.
Empfehlungen
An zentralen Ansatzpunkten für eine grundlegende Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen informationswirtschaftlichen Anbietern und Anwendern ergeben sich:
   
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Angemessene Vorbereitung einer Zusammenarbeit durch Sicherstellung eines ausreichenden internen Konsenses und Festlegung eines „Pflichtenheftes“ für die Umsetzungsphase;
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Entproblematisierung von Preis- und Kostenproblemen durch Sicherstellung von Transparenz und Nachvollziehbarkeit auch im Detail;
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Festlegung von Regeln für das Change Management;
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Festlegung eines Ehrenkodexes zur Förderung der Seriosität und Professionalität auf der Anbieterseite;
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Hilfen für die Anbieterseite in Sachen Erarbeitung von Problehmlösungen, Customization an unternehmensindividuelle Anforderungen und Weiterentwicklung nutzungsfreundlicher Systeme mit möglichst geringen Anforderungen für den Anwender im laufenden Betrieb;
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Einigung auf Kriterien, an denen der Erfolg eines Kooperationsprojektes zu messen ist, und Erfüllung dieser Anforderungen.
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