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Ist das Schlimmste überstanden?
von Monika Haines, Managing Director der PCI PROJECT CONSULT International, London
„Das Jahr 2002 war in vielerlei Hinsicht ein Jahr der Negativrekorde für die IT-Branche.“
Diese Behauptung ist richtig für viele wirtschaftlichen Parameter, die zwar in den verschiedenen Regionen zum Teil unterschiedlich ausgeprägt sind, aber unter dem Strich auf die Weltkonjunktur eine dämpfende Wirkung hatten. Hierzu gehörte das schwache Wirtschaftwachstum, der stagnierende Arbeitsmarkt, die Unternehmensgewinne, die Unternehmensverschuldung und Pleiten, mangelnde Investitionen, die Staatsverschuldung, das fehlende Konsumentenvertrauen und last but not least die kriselnden Aktienmärkte. Der Softwarebranche ging es in Europa und ganz besonders in Deutschland schlecht. War man bisher mit jährlichen Wachstumszahlen von zeitweilig bis zu 20 % verwöhnt, so gab es dieses Jahr einen Rückgang auf 2.3 %. Dennoch gab es und gibt in diesen konjunkturell schwachen Zeiten sogenannte „Turn-around“- Kandidaten, die es geschafft haben einen Gewinnverlust rückgängig zu machen und das Geschäft wieder profitabel zu gestalten. Auch im  deutschen Markt hat positive Meldungen im DRT-Umfeld gegeben, die allerdings zu häufig der negativen Grundstimmung der Presse zum Opfer gefallen sind.
Das Prinzip Hoffnung lehrt uns, dass es angesichts der Baisse der letzten Monate im kommenden Jahr eigentlich nur noch wieder bergauf gehen kann, „auf jeden wirtschaftlichen Abschwung folgt ein Aufschwung“. Die Anzeichen dafür, dass das Jahr 2003 diesen Aufschwung bringt, haben sich in den letzten Monaten bereits verstärkt. Dafür gibt es eine Reihe von allgemeinen wirtschaftlichen Indikatoren. Die OECD sieht z.B. für das Jahr 2003 ein Wachstum von 3,1 %, verglichen mit einem Wachstum von 1,9 % im Jahr 2002. Für das gesamte Spektrum der Informationstechnologie-Industrie einschließlich Hard- und Software sowie Services liegen selbst die nach unten revidierten Wachstumsprognosen von Gartner, Dataquest und EITO für das Jahr 2003 bei 7 % bzw. 6,2 %, verglichen mit 3,4 % bzw. 3,2 % im Jahre 2002. Obwohl diese Wachstumszahlen im Gegensatz zu früheren Jahren nur einstellig sind, verkörpern sie hohe Umsatzzahlen, denn der weltweite Markt für IT liegt immerhin bei über 2t $ US. Die Inflation in der Euro-Zone scheint inzwischen unter Kontrolle und durch die Leitzinssenkung der EZB sind die geldpolitischen Voraussetzungen für ein Wirtschaftswachstum in Europa gestiegen.
Die DRT-Branche verabschiedet sich von dem Jahr 2002 mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Eine Reihe von Unternehmen geht in das Jahr 2003 mit einer ausgesprochen optimistischen Stimmung. Hintergrund ist die Erwartung, dass in 2003 die in den letzten Jahren verschobenen Investitionen in Dokumenten-Technologien nachgeholt werden. Hierfür gibt es Indizien: bei einer weltweit durchgeführten Umfrage der Topmanager gaben 72% der befragten Manager an, z.B. Lösungen wie CRM einsetzen zu wollen. Dieser Prozentsatz ist doppelt so hoch wie im Jahr zuvor. Die weniger schöne Nachricht für die DRT-Branche ist, dass die oft hochgesteckten Erwartungen der Anwender in der Realität der verfügbaren Produkte häufig enttäuscht wurden. Die Anbieter dieser Lösungen müssen sich heute in zweierlei Hinsicht der Vertrauensfrage stellen .- Qualität der Produkte und Überlebensfähigkeit des Unternehmens. Zu viel wurde in mangelhafter Qualität am Bedarf der Anwender vorbei in den Markt gedrückt.
Die Talsohle für DRT-Markt in Deutschland scheint dennoch schon in Sicht. Ab dem Frühjahr ist mit einem Aufschwung auch bei den IT-Investitionen zu rechnen. Aufgabe der Anbieter ist es daher jetzt, die DRT-Themen in das Bewußtsein der potentiellen Kunden zu heben, damit die Investitionen auch in die „richtigen“ Taschen fließen. Dokumenten-Technologien spielen besonders dort eine Rolle, wo es jetzt um Kosteneinsparungen, Effizienzsteigerung, verbesserte Dienstleistungsqualität und „Time-to-Market“ geht.
Das Jahr 2002 war auch durch einen Preisverfall gekennzeichnet, der manchen Anbieter an den Rand des Ruins getrieben hat. Deutlich wurde dabei, dass viele Anbieter allein mit dem Verkauf von Lizenzen nicht ausreichend Geld in die Kassen bekommen sondern ihre Umsätze mit Projektleistungen aufbessern mussten – ein Problem, wenn man nach außen hin proklamiert, nur über Partner Vertrieb und Realisierung zu machen. Der Konkurrenzdruck hat und wird auch in Zukunft zu Aufgaben und Firmenübernahmen führen – die Konsolidierung ist noch nicht abgeschlossen. Auch ist die Durststrecke noch nicht vollständig überstanden - selbst wenn erwartungsgemäß die IT-Ausgaben in der zweiten Jahreshälfte 2003 wieder steigen, Dokumenten-Technologie-Projekte haben lange Vorlaufzeiten. Für viele Anbieter heißt es jetzt daher auch, sich mit speziellen Lösungsangeboten auf die richtigen Branchen zu konzentrieren, bei denen am ehesten wieder mit Investments zu rechnen ist. Finanzdienstleister sind in Deutschland etwas gebeutelt, haben aber gerade jetzt für Optimierung und Ersparnis durch den Einsatz von DRT ein offenes Ohr. Ähnlich sieht es in der Telekommunikationsbranche aus. Sicherlich wird in 2003 der öffentliche Sektor eine noch größere Zugkraft als bereits im Jahr 2002 erzielen.
Wichtig wird auch die neue Entwicklung im Umfeld des E-Commerce werden. Man spricht inzwischen von der zweiten Welle des E-Business. In einigen Staaten wird der E-Commerce auch von den Regierungen gefördert. In Deutschland überwiegt immer noch die negative Grundstimmung. E-Commerce und E-Government sind nur zwei Seiten der gleichen Medaille – ohne die öffentliche Hand als Vorreiter wird die Wirtschaft nicht mitziehen. Die britische Regierung stellt z.B. 15 Milliarden € bis 2005 zur Verfügung zur Verfügung, um alle staatlichen Institutionen und die Wirtschaft mit einander zu vernetzen. Ähnlich wie in Deutschland mit BundOnline2005 sind in England über 100 Projekte am Laufen.
Unterschätzt wird immer noch der Markt des Mittelstandes. In Europa sind dies über 200,000 Kandidaten für die Einführung von Dokumenten.Technologie-Lösungen, wobei die Hersteller sich natürlich über die Preisgestaltung neu Gedanken machen müssen. Für den Mittelstand rechnet die Europäische Kommission in den kommenden Jahren mit einem Wachstum der IT-Budgets von rund 10%, also über dem Durchschnitt.
Es besteht weiterhin ein bemerkenswerter Unterschied zwischen der wirtschaftlichen Performance der USA und Europa-Zone. Einer der Hauptgründe für diese großen Unterschiede liegen darin das die europäische Gemeinschaft offenbar nicht flexibel genug ist, um auf Marktveränderungen zu reagieren. Auch die Erweiterung des Europa der 15 auf ein Europa der 25 führt einerseits zu neuen Marktchancen, entzieht aber an anderer Stelle Mittel für die Einführung moderner Informationssysteme und behindert die Vereinheitlichung Europas.
Für IPO’s war es ebenfalls ein enttäuschendes Jahr. Gab es in Deutschland in 2001 noch 21 Börsengänge mit einem Emissionsvolumen von rund 3,2 Milliarden € - bescheiden im Vergleich mit den Vorjahren -, so wird es zum heutigen Stand in 2002 wahrscheinlich nur ganze 8 IPO’s mit einem Emissionsvolumen von gerade einmal 252 Millionen € geben. Auch im übrigen Europa sieht es an den Aktienmärkten nicht viel anders aus. Wirft man einen Blick auf die London Stock Exchange, Europas größtem Primärmarkt, so wurden bis Ende September 2002 nur 51 Unternehmen neu gelistet. In dem Segment für kleinere  Unternehmen waren es lediglich 122 Gesellschaften. Jetzt lasten hohe Erwartungen auf dem kommenden Jahr 2003. Nur werden IPO´s nicht die generellen Probleme der Branche und des Marktes lösen. Sie sind nur ein Indikator für das Wirtschaftsklima. Viele Unternehmen, besonders in der Telekommunikations- und Software-Branche, sind derzeit aufgrund eigener Probleme nicht an Investitionen in junge Firmen oder neue Produktideen interessiert, obwohl es nach wie vor ausreichend attraktive junge und innovative Unternehmen gibt. Für junge Unternehmen bleibt es nach wie vor schwierig Investoren zu finden. Nur bei jeder 5. Beteiligung handelt es sich derzeit um eine Erstinvestition, 80% der Beteiligungen betreffen Firmen, die bereits eine oder mehrere Finanzierungsrunden hinter sich haben. Gut für die DRT-Branche ist, dass die Software-Industrie im dritten Quartal wieder zu attraktivsten Branche für Investments wurde: 34,7 % aller Investitionen fanden im Software-Bereich statt.
Die momentan zu verspürende Zurückhaltung potentieller Unternehmenskäufer und Investoren ist auch von den wirtschaftlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen in den verschiedenen europäischen Regionen abhängig. Die Investitionen fließen dorthin, wo sich die Rahmenbedingungen positiv entwickelt haben. Für den deutschen Markt kann dieses jedoch in Frage gestellt werden. Die Aktivitäten und Planungen der Deutschen Regierung lassen hier noch keine Anreize erkennen. Allein im dritten Quartal 2002 flossen 60% des investierten Kapitals ins Ausland, davon 43.1 % nach Nordamerika und 16.9% ins europäische Ausland. Einzig positiv zu vermerken ist, dass offenbar noch genügend Kapital für Investments vorhanden ist, auch wenn es derzeit in die falschen Regionen fließt. (MHH)
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